Ókyrrð

August 26, 2015

Die Wände, sie sind zu weich.Der Kopf blutet einfach nicht. 

Der Schmerz kommt wenn von innen, doch selbst ihn kann ich nicht fühlen.

Es zieht und wächst, wird größer, füllt aus. Es nagt und nagt und nagt, bis ich fast zu platzen drohe. Dann fällt es in sich zusammen. Und kichert. Ganz leise. Aber bohrend, hartnäckig.

Durch und durch. Bis hin zu ab.

Ich will laufen, rennen, schrein. Aber schon nach den ersten Schritten ist es mir wie Blei. Keine Kraft.

Geht weg. Alle sollen sie gehn. Kommt her. Kommt her! Lasst mich nicht alleine. Aber kommt mir nicht zu nah. ich ertrag euch einfach nicht.

ich ertrage mich nicht. Ist es tatsächlich so, dass man erst erkannt wird, als das was man ist und sein kann, wenn man sich selbst eins ist, zum Klaren reicht?

Da ist kein Feuer mehr. Letzte Flamme längst erlöscht. Und wenn nur großer Feuerberg, der alles mit sich in die Tiefe reißt.

Will mich brennen, beißen, schneiden, kratzen, schrein. Fühlen, verdammt noch mal. Aber bleib mir weg mit dem Gefühl.

Alles so leer. Ohne ein Sein. Ohne Ziel. Ohne Werden. Da ist nichts. So taub und stumpf. Tumb – nichts ahnend und trotzdem so schwer von der Last niedergedrückt.

ich will sie anfassen, necken, mich anlehnen. lieben. Mich halten lassen, bis ich nicht mehr fallen kann. Aber ich kann und will sie mir nicht nahe haben.

Es ist alles so beliebig. So egal.

Nicht tief genug. Zu wenig intensiv. Aber was tun, wenn man schon an der Oberfläche zerbricht?

ich werde sein, was ich war. Und bin doch noch nie gewesen. Nie gewesen. Nie da. Niemals sein.

Fliederbleich

September 16, 2013

Draußen dämmerte es bereits. Doch das merkte man im Haus nicht mehr. Zu lange schon war immer gleiche Tageszeit. Die Mutter hatte alle Fensterläden geschlossen und die Fenster von innen mit Decken verhangen. Auf dem Tisch brannte eine Kerze.

Der Pfarrer saß neben dem Bett. Sein Oberkörper wiegte sich regelmäßig vor und zurück und mit monotoner Stimme folgte er einem Gebetszyklus, der es der scheidenden Seele erleichtern sollte. „Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum. Adveniat regnum tuum. Fiat voluntas tua,sicut in caelo, et in terra…“
Wachs tropfte von der Kerze auf den Tisch. Das Mädchen, mit seinen vierzehn Lenzen beinahe eine Frau schon, lag aufgebart auf seiner Bettstatt. Das zarte Gesicht ganz schmal und blass vom Fieber. Der Körper schon mehr leere Hülle. Ihr Brustkorb hebt sich nur noch leicht. Der Atem einzig ein leises Rascheln.
Mutter schürte das Feuer am Herd, dabei war es schon Mitte Juni. Doch sollte ein Wunder geschehen und das Kind sein Fieber überwinden, konnte man dies nur erreichen, indem man sie ausschwitzte, der Krankheit böse Glut.

Eine Strafe Gottes. Eine Strafe Gottes, da war sich die Mutter ganz sicher. Während sie im Feuer stocherte verrutschte ihr Gebände. Mit schnellen Griffen brachte sie es wieder an Ort und Stelle. Hätte sie es gar nicht getragen, aber wäre es unschicklich gewesen. War doch der Pfaffe im Haus.
Man hatte immer Acht auf es geben. Und doch hatte es es geschafft sich ein Kind andrehen zu lassen vom Knecht. Der war geflogen. Im hohen Bogen, als bekannt wurde, dass er seine Finger und sein Schlängel nicht bei sich hatte halten können. Dabei wachte der Vater selbst des Nachts in der Kammer seines Kindes. So lieb hatte er es. Doch das Ding, wie jedes Weib von Witz und Sinnen, war angetan vom unrechten Werben des jungen Mannes. Und so kam es der Obhut aus.
Man holte die Wehfrau, die ihres Geschäfts eine Kundige ist. Ein Engelchen nun oben auf den Wolken saß. So wurde das Problem gelöst. Doch seither lag die Dirn im Sterben. Hohes Fieber, zehrende Krämpfe. Man würde den Leuten im Dorf wohl was erzählen müssen. Denn die Schande konnten doch nach dem Tod des Kindes nicht die Eltern tragen müssen. Selbstsüchtiges Ding, dachte die Mutter und schürte weiter im Feuer. Der Vater war gar sehr betrübt über den Zustand des Kindes. War es doch auch der einzige Nachkomme seiner Frau und ihm. Doch Mutter hoffte die Folgen von sich fernzuhalten, die das Gör mit seinem unbedachten Treiben auf sie lud.
Das Wachs tropfte noch immer.
„De profundis clamavi ad te Domine. Domine exaudi vocem meam fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae… “
So war es nun gegangen, das liebe Kind.
‚Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt, mit Fragen streng zu prüfen alle Klagen!‘

Vergegenwart

September 16, 2013

Der Trauerzug bewegte sich vom Haus Richtung Friedhof. Viele waren es nicht. Der Pfarrer, Mutter, Vater, das große und das kleine Schwesterchen. Der Nachbarsbub Max hatte sich bereit erklärt die Trompete zu spielen. Er spielte nicht schön, aber schief. Und das war mindestens genauso traurig.
Den Johann zogen Mutter und Vater auf einem Leiterwagen von unfassbarer Größe. Keiner der Leute aus dem Dorf hatte sich bereit erklärt, den Sarg zu tragen. Und für zwei war er doch zu schwer. „Nichts für Ungut“, hatten sie gesagt. „Aber es ist mitten in der Saatzeit. Was wir jetzt nicht sähen, können wir im Herbst nicht ernten. Den Sarg zu tragen haben wir wirklich keine Zeit. Außerdem war er ja nicht mal ein richtiger Mensch, der Johann.“ Dummkopf, Depp, Schwachsinniger, Teufelsbalg. So hatten sie ihn gerufen. Nur weil er nicht so denken konnte wie andere Kinder, weil er nicht so sprach wie andere Kinder, weil er nicht so wuchs wie andere Kinder. Weil er keinen Wert hatte.
„Den Bauern an der alten Mühle, den hat’s übel erwischt.“, hatten sie damals gemunkelt. „Jetzt hat er schon nur einen Sohn und dann ist der deppert.“
Gemieden haben sie ihn alle, den Johann. Bis auf die Schwestern hatte ihn wohl auch keiner so richtig lieb gehabt. Helena, die Große, deren Obhut er meist anvertraut war, weinte bitterliche leise Tränen. Keiner sah ihre Pein. Ihre Not. Sie nicht den Bruder zu Grabe trug.
Ins Wasser war er gefallen und ersoffen. Weil er nicht schwimmen konnte. Die Knaben die nicht mit im spielen wollten, konnten ihn nicht retten. Oder wollten es nicht.
„Besser so!“, hatten sie alle geflüstert und danach schnell die Läden wieder zugezogen. Man durfte das nicht sagen. Aber der wirre Blick und das bisweilen laute Grunzen war doch gar recht unheimlich. „Arme Kreatur!“, hatten sie hinter vorgehaltener Hand geheuchelt. Und dann mit dem Finger auf ihn gezeigt.
Auf dem Friedhof wurde der kleine Sarg nach unten gelassen. War ja auch nur ein Knabe von kaum sechs Lenzen darin gebettet. Die erste Schaufel Erde, die zweite Schaufel Erde… Ein letztes Gebet.

Es wurde Abend. Die Sonne ging unter. Ein weiterer Tag im Lauf der Welt war vergangen.

Das Schreien hatte er längst aufgegeben.

„Du kommst uns nicht aus!“

Sie waren schon wieder im ganzen Mob hinter ihm her. Jacob rannte so schnell wie er nur konnte. Da verhedderte er sich im Zweig eines Strauchs und fiel hin.
‚Verdammt!‘
„Na warum denn nicht gleich so?!“ Auch Jesper, der Anführer, war ein wenig außer Atem. „Das Wegrennen hat keinen Sinn. Selbst wenn du nicht so blöd wärst über deine eigenen Füße zu stolpern… Wir holen dich ja doch immer irgendwann ein!“
Bei den letzten Worten drückte er Jacobs Gesicht auf den matschigen Boden. Als der versuchte sich umzudrehen und nach Jespers Bein zu greifen, hatten ihn schon acht andere Hände gepackt.
Sie waren immer zu sechst. Torben, Lasse, Oscar, Aleks – Jespers Handlanger. Und Björn der alles mit seiner Videokamera filmte.

Schreien hatte Jacob sich längst abgewöhnt. 1. war es im Moment stockdunkel. 2. kam hier keine Menschenseele vorbei und 3. machte das alles nur noch schlimmer. Dann fingen sie an ihn auszulachen und zu necken. Das machte ihn so rasend, dass er sich nicht mehr kontrollieren konnte. Und er durfte es sich im Moment nicht erlauben die Kontrolle zu verlieren.

„Steh auf!“, blökte Jesper. „Langsam wirst Du langweilig. Du wehrst Dich ja nicht mal mehr richtig. Da müssen wir uns wohl was anderes einfallen lassen, dass Du wieder anfängst zu tanzen. Nicht wahr, boy?“, er grinste hämisch. Fast anzüglich. Lasse und Torben zogen ihn auf die Füße und – ZACK – hatte Jesper seine Faust in Jacobs Magengrube platziert. Aber er biss die Zähne zusammen und außer ein, zwei schweren Atemzügen gab er keinen Laut von sich. „Geil! Das war ein Schlag. Dem hast Dus gegeben!“, grölte Aleks der nicht der Allerhellste war. „Hast Du das drauf Björn?!“
„Ja doch! Und jetzt halt die Fresse! Dein Gelaber versaut die ganze Aufnahme.“

Angefangen hatte er vor ungefähr einem Jahr. Da war er ihnen wohl zum ersten Mal aufgefallen.

In der Neunten wurden immer die Sportpartnerklassen getauscht. Und so kam es, dass Jacob das erste mal dem Rudel begegnete. Es hatte nicht lange gedauert, ein, zwei Wochen vielleicht, da hatten sie ihm das erste Mal nach der Schule aufgelauert. Sie umringten ihn und hatten ihn zwischen sich hin und her geschubst. Dann ließen sie ihn einfach gehen. Beim nächsten Mal, gut zwei Wochen später waren sie weniger gnädig. Sie schubsten ihn heftiger. Dabei sangen sie ein selbst gedichtetes Spottlied: „Oh,oh – Jaco-o-bo. Fett wie Mister Lo-bro.“ Jacob war nicht dick und Herr Lobro sein Englischlehrer. Der war aber wirklich so breit wie hoch. „Na, wie bekommst Du denn immer deine guten Noten in Englisch?“, fragte Jesper.

Warum in Gottes Namen wussten sie über seine Englischnoten Bescheid? Jacob war mehr als zurückhaltend, meinte nicht aufzufallen. Das wollte er auch gar nicht. Aber da hatte er sich wohl getäuscht.

„Leckst ihm wohl den fetten Arsch, wenn er Bock drauf hat, was?! Bis du genau so fett wirst, oh boy.“ Das war das erste Mal, dass sie ihn boy nannten. Torben und Lasse fingen an einen stöhnenden Lobro nachzumachen, wie sie sich das so vorstellten. Da rastete Jacob aus. „Mach ich gar nicht! Was wisst ihr schon. Was wollt ihr überhaupt von mir? Fickt euch, ihr Penner!!!“ Dabei wurde er ganz rot und atemlos.
„Haha, wie süß!“, spottete Jesper. „Schaut ihn euch an, wie er versucht sich zu verteidigen.“ Und schlug ihm ins Gesicht. Blut tropfte aus Jacobs Nase und vermischte sich mit dem ersten Schnee des Jahres. Tränen standen ihm in den Augen. Das hatte verdammt weh getan. Seine Nase fühlte sich völlig vermatscht an. Da sah er eine Lücke zwischen den anderen und begann zu rennen… „Hej, Jacob! Das ist das letzte Mal, dass Du so glimpflich davon kommst!“, rief Jesper ihm nach. „Haha, schaut mal wie niedlich der rennt!“, gackerte er dann noch.

Das war eigentlich der Punkt gewesen, an dem Jacob hätte handeln müssen. Das war ihm jetzt klar. Seiner Mutter davon erzählen. Oder einem Lehrer. Einem Erwachsenen eben. Der hätte dann alles Weitere übernommen. Und er hätte sich einiges an Wunden, Prellungen, Wut und Demütigung erspart.

Sie hatten es immer öfter auf ihn abgesehen. Manchmal hatte er Glück und eine Woche Ruhe vor ihnen. Aber das kam nicht oft vor. Das ganze Programm hatten sie aufgezogen. Auf dem Schulhof, auf der Toilette. Öfter auch auf dem Weg nach Hause. Im Klassenzimmer. Einmal sogar am Wochenende auf dem Parkplatz hinter dem Kaufhaus. In den Schulduschen hatten sie ihn so zusammengeschlagen, dass seine Mutter ihn ins Krankenhaus fahren wollte, als er nach Hause kam.
Gesagt hatte er die ganze Zeit über nichts. Nicht wer ihm das antat, was sie genau machten oder warum. Auf Letzteres hätte er auch keine Antwort gehabt. Er beklagte sich nicht. Wurde nicht mal öfter krank oder wollte von der Schule zu Hause bleiben. Hätte er doch nur den Mund aufgemacht.

Jetzt holte Jesper einen Strick aus seiner Tasche hervor. Torben, Lasse und Oscar hielten Jacob fest, während Jesper immer näher auf ihn zu kam und ihm den Strick um den Hals legte. „Habt ihr schon davon gehört, dass es Typen gibt, die sich strangulieren, weil sie das geil macht?“, fragte er nun seine Untergebenen. „Wollen wir doch mal ausprobieren, ob unser boy das auch mag. Mister Lobro hat das bestimmt sehr gerne, nicht wahr?“, grinste er breit. Jacob bekam Panik. Wollten die ihn etwa umbringen? Er zitterte. Versuchte sich aus den Griffen zu wenden. Aber die Jungs hielten ihn so fest, dass sie es gar nicht bemerkten. Jesper zog den Strick etwas fester. Und fester. Und fester. Jacob blieb fast die Luft weg und mit einem Mal spürte er, dass seine Hose ganz nass wurde. „Iiihh, der pisst und scheißt sich ein!!“, quietschte Aleks, der das Spektakel aus sicherer Entfernung beobachtet hatte. „Mann, wie langweilig.“, rief einer der anderen. Da zog Jesper noch ein bisschen fester zu und Jacob wurde schwarz vor Augen.
Als er wieder zu sich kam, lag er an gleicher Stelle auf dem Boden. Es war kalt, dunkel und nass. Jacob hatte das Gefühl jede Zelle schmerze. Sein ganzer Körper rebellierte. ‚Nie wieder…‘, dachte er sich. ‚Nie wieder!‘, schwor er sich. Das war das Ende. Noch einmal sollten sie ihn nicht erwischen. Und er begann in sich zu schreien.

Ich bin…

November 18, 2012

Der Junge saß an einem Brunnen nahe der Kirche. So wie jeden Tag. Sein weißes Hemd war selbst noch nicht ganz wach und auch die goldenen Knöpfe seiner blauen Jacke zwinkerten nur müde im Morgenlicht, das sich zaghaft den Weg durch die mittelgrauen Wolken kämpfte. Die Mütze, natürlich auch blau ebenso wie seine Hose, saß noch ganz schief auf dem Kopf. Die braunen Haare wuschelten darunter hervor. Der Junge mit dem blauen Gewand rieb sich mit der Hand über die müden Augen.

Da kam schon einer der ersten Menschen des Tages an ihm vorbei. Ein Mädchen auf dem Weg zur Schule. Sie sah müde und traurig aus. Fast schon grimmig. „Ich bin die Hoffnung, die Du grade nicht hast.“, rief er ihr schnell nach. Sie drehte sich um und blickte ihn fragend an. „Ja, die Hoffnung. Alles wird irgendwann besser. Und jeder Schultag ist irgendwann vorbei. Vielleicht macht es ja sogar manchmal Spaß.“ Das Mädchen nickte kurz und ging weiter. Aber er wusste, dass sie begonnen hatte ein wenig für sich zu lächeln.
Der Nächste war ein großer Mann. Ein Stadtrat oder ähnliches. Forschen Schrittes ging er voran. Sein Gesicht noch tief im Mantel vergraben „Ich bin die Leichtigkeit, die Du schon vergessen hast.“, beeilte sich der Junge zu flüstern. Was er dafür bekam war ein unwirsches Abwinken. Aber er wusste, dass er den Punkt getroffen hatte.
Es wurde immer heller und der Junge bekam Hunger. Da kramte er Tee und Kekse aus einem Beutel und begann zu frühstücken. Ein Kleinkind, ein Bub von nichtmal ganz drei Jahren entdeckte ihn dabei und stopselte auf ihn zu. „Du!“, rief er dabei und lachte. „Du!“ „Guten Tag, kleiner Mann. Magst Du auch einen Keks?“ Große braune erwartungsvolle Augen nickten ihm zu. „Bittesehr! Lass es Dir schmecken.“ Schon stolperte die Mutter daher. „Karl, wo bist Du denn?“ Sie war ganz in Sorge. „Einen Keks hast Du bekommen. Hast Du denn auch brav Danke gesagt?“ Sie guckte nun zu dem Jungen der da am Brunnen vor ihrem Sohn saß. „Ich danke Ihnen. Für den Keks und dass Sie auf meinen Sohn geachtet haben.“ „Keine Ursache!“, grinste er sie an. „Ich bin der, der auftaucht wenn er gebraucht wird.“ Ihr Blick verriet ihm, dass sie ihn noch nicht ganz verstehen konnte.
Es war schon seltsam. Die Großen hielten ihn für Erwachsen und siezten ihn ständig. Nur die Kinder sahen, was er war. Einer von ihnen.
Es war schon fast Mittag, als eine zweite Mutter an ihm vorbeirauschte. Sie musste Essen kochen, die Kinder abholen und die Entwürfe sollten bis heute Abend auch noch fertig werden. „Ich bin die Zeit, der Du hinterher rennst.“, sagte der Junge ganz ernst. Er nahm dazu sogar seine Mütze vom Kopf. „Wie?“, die Frau hielt kurz inne. „Ach ja, das meinen Sie.“, wirkte sie verwirrt. Aber ihre Schritte wurden langsamer.
Danach kam ein junger Mann. Ganz krank vor unerfüllter Zuneigung. „Ich bin die Liebe, die Du verloren glaubst. Und ich bin immer da.“ Der Knabe starrte ihn verwundert an! „Du?“, fragte er leise. Das Nicken des Jungen mit der blauen Jacke sah er schon gar nicht mehr. Doch zweifelte er nun anders.
Dem Mann, dem es bestimmt war, nach dem Jungen am Brunnen vorbei zu kommen, dem war alles ganz schwer. Ihn drückte das Leben. „ich bin das Schöne, das sich vor Dir verschlossen hat, so wie Du meinst. Aber ich bin nicht weg. Ich bin die Sonne die Du brauchst. Und ich schmelze das Eis weg. Und Deine Zuversicht, die bin ich auch.“ „Kannst Du das? Könntest Du das für mich tun?“, flüsterte der Mann und zwinkerte stumm hinter seinen runden Brillengläsern. „Selbstverständlich.“ Die Stimme des Jungen war ganz warm und weich. Und wieder hatte er seine Mütze abgenommen. Das waren die sehr ernsten Angelegenheiten bei denen er das tat. „Danke!“, sprachen des Mannes Augen und gingen in leichtem Wirren davon.
Eine alte Dame ließ sich neben ihm nieder. „ich bin die Jugend, die Du vermisst und die Du immer noch in Dir trägst.“ „Danke, mein Junge. Das tut gut. Auch wenns davon nicht besser wird.“ Sie lachte kurz. Dann erhob sie sich ächzend und trottete weiter. Beschwingter, wie der Junge hoffte.
Kurz vor dem Abend kam eine junge Frau, die ihn auch als das Kind sehen konnte, das er war. „Sag mal“, sagte sie. „Ist Dir das hier nicht zu einsam? So am Brunnen. Ist denn niemand für Dich da?“ „Aber es sind doch immer Menschen da. Und da bin ich für sie. Das bin ich.“, antwortete er. Doch sein Blick wurde ganz fern. ‚Ich hab nur Angst erwachsen zu werden, aber das müssen wir ja alle mal, nicht wahr? ‘ Aber das sagte er nicht. Das schloss er ganz tief im Herzen weg. Der Junge mit der blauen Jacke.

Vielleicht

November 18, 2012

An der Haltestelle Holzapfelkreuth stieg ein Mann zu, der einen Buggy vor sich herschob. Michael zog den Rucksack noch fester an sich, damit der Typ samt Kinderwagen an ihm vorbei kam. Der Kleine hatte volle, dunkelbraune Locken und wache, blaue Augen. Sein Vater schien allerdings nicht wirklich an ihm interessiert. Vielleicht hatte der Junge nicht gut geschlafen oder Bauchschmerzen, denn er fing an zu wimmern, was immer mehr zum Weinen wurde.
„Ach, halt die Klappe, Franz!“, blökte der Vater sein Kind an. „Hat man nicht mal in der U-Bahn morgens um Sieben seine Ruhe vor dir?!“
‚Wie sprichst du mit deinem Sohn? ‘, ging es Michael durch den Kopf.

Heike liebte jetzt Kai.

Sie hatten sich immer Kinder gewünscht. Mit Mitte 20 war es auch noch ein Glück gewesen, dass sie, trotz des ein oder anderen geplatzten oder vergessenen Kondoms noch kein Nachwuchs ereilt hatte. Sie wollten beide erst ihr Studium beenden, Geld verdienen. Eine solide Basis sei wichtig für eine Familie. Da waren sie sich einig.
Mit Ende 20 waren sie ein wenig verwundert, dass trotz mancher gezielter Versuche der ‚Erfolg‘ ausblieb.
Anfang 30: Heike ließ sich testen. Bei ihr sei alles okay. Ihre Blicke ruhten nun auf ihm.

Harras: Der Kleine hatte sich beinah schon in eine Hysterie geschrien, aber der Vater sah immer noch nicht ein, sich mit ihm zu beschäftigen. Genervt blätterte er in seiner Zeitung.
„Entschuldigen Sie“, sprach eine ältere Dame den Mann an. „Aber wollen Sie sich nicht um ihr Kind kümmern? Er kriegt ja schon fast keine Luft mehr…“
„Wann und wie ich mich um mein Kind kümmere, geht Sie, mit Verlaub, einen feuchten Kehricht an.“ Erschrocken zog die Frau sich wieder zurück.
‚Du bist so ein Arsch!‘, dachte sich Michael. ‚Manche Menschen wünschen sich nichts mehr auf dieser Welt, als ein Kind und du weißt deins nicht wert zu schätzen.‘ Als er genau das dem Vater sagen wollte, stieg der mit Kinderwagen und Sohnemann aus. Implerstraße.

Er hatte sich immer Kinder gewünscht. Familie hatte er fest eingeplant. Bei Heike war alles in Ordnung, das konnte doch nur heißen, dass… Nein, das glaubte er nicht.
Die Familienfeste und Feiern mit Freunden mutierten zum Spießrutenlauf. ‘ Wann ist es denn nun bei euch soweit? Ihr wärt so tolle Eltern! ‘ Heike ertrug stumm, das immer gleiche Mantra wiederholend: „ Wir wollen nichts überstürzten. Es kommt, wie es kommt. Außerdem sind wir ja noch jung.“ Jung, daran klammerte sie sich.
Es machte es auch nicht einfacher, dass ihre Schwester bereits das dritte Mal schwanger war.
Eines Morgens sagte sie zu ihm: „Michael, das ist doch nicht mehr normal. All die Tricks und Hormontherapien…“ Sie kämpfte mit sich. „Lass Du dich doch auch mal untersuchen, bitte.“ Er wollte nicht. Er wollte ganz und gar nicht. Aber ihr Schweigen darüber wurde so laut, dass ihm nichts anderes mehr blieb.
Die Diagnose: Zeugungsunfähig.
Das sei doch kein Problem, sagte sie. Jetzt wo man wisse woran es läge. Und man liebe sich doch.

Sehnsüchtige Blicke auf die Kinder anderer Eltern.
Aber man liebe sich, dass sei das Wichtigste. Ihr neues Mantra.
Das ging noch 1 ½ Jahre gut, mit der Liebe. Und dann kam Kai. Kai, der tolle Kai. Ganz Mann und dabei so verständnisvoll. Nächste Woche war Hochzeit. Und ‚pssst‘, das sollte eigentlich noch nicht verraten werden, aber Heike war im 2.Monat.
Dass es nicht an ihm liege und auch nicht daran, dass er keine Kinder zeugen könne. Sie möge ihn immer noch, er sei ein netter Kerl. Aber sie möge Kai jetzt nun einmal lieber. Wie einem Dreijährigen, dem man sagt, dass er nun endgültig zu alt für seinen Schnuller sei, genauso hatte sie es ihm erklärt und ihm dabei genauso in die Augen gesehen.
Nach und nach hörte er auch nichts mehr von den Freunden, die eigentlich allesamt ihre waren. Er hatte das Gefühl gemieden zu werden. Waren sie nun auch so begeistert von Kai, Heikes Retter aus der Not.
Christian, einer seiner wenigen wirklichen Freunde, sagte ihm: „Schau, dass Du den Kopf frei kriegst. Egal wie.“ Und so war er jetzt unterwegs mit Rucksack Richtung Asien.

„Nächster Halt: Marienplatz. Umstieg zur U3 und den S-Bahnen.“
‚Vielleicht kann man in Asien ja auch einfach irgendwo verloren gehen‘, dachte er sich und stieg aus.

Outro

November 18, 2012

Wir sitzen nebeneinander. Du hast den Platz an der Tür und ich den Mittleren im Sechserabteil. Wir fahren rückwärts. Weil wir immer rückwärts fahren.
ich sitze schräg. Zu Dir gewandt. Mein rechter Arm zwischen Sitz und deinem Rücken eingeklemmt. Sicher. Warm. Meine linke Hand liegt auf deinem Bauch. Dein blauer Pulli fühlt sich weich an. Du atmest ruhig. Und ich kann spüren, wie sich deine Bauchdecke hebt und senkt. Hebt und senkt. Hebt und senkt. Deinen linken Arm hast Du um mich gelegt. Mit der rechten Hand berührst Du meinen Unterarm. Mein Kopf an deiner Schulter. Dein Kinn an meiner Stirn. So sitzen wir da. Die Augen geschlossen. Musik im Ohr. Jeder die seine. Doch ich weiß, dass wir gerade jetzt im Moment genau dasselbe hören. Mir scheint die Sonne ins Gesicht. Bin nie glücklicher gewesen, als jetzt hier mit Dir. Der andere guckt uns neidisch zu. Aber das merken wir nicht. Weil er Nichts ist. Weil er so unglaublich Nichts ist. Er hat das was er verdient. Und wir. Wir brauchen uns nichts verdienen, es steht uns einfach zu. Du streichst mir über den Rücken und ich versuch noch näher an Dich ran zu kommen. Du riechst gut. Davon krieg ich einfach nicht genug. Irgendwie habe ich es geschafft meine Beine um deine zu wickeln. Wie ein Wollknäuel oder zwei junge Katzen. So sitzen wir da. Es muss verdammt unbequem aussehen, wenn man uns so zusieht. Ich könnte auf ewig so bleiben. Du auch. Das hast Du mir mal verraten und dabei verschwörerisch gezwinkert. Wir zwei, gegen den Rest der Welt. Nirgends so sehr wie hier.
Der andere steigt aus. Es wäre auch unsere Endstation gewesen. Aber wir fahren weiter. Richtung Zukunft.